“Das nächste Mal bleibst du alleine zuhause!“ brüllt sie mit wutentbrannter Stimme durch die Gegend! Im Rauschen des hektischen Morgenverkehrs zehrt sie das Kinderhändchen ohne Rücksicht auf Verluste hinter sich her.

 

Die kleinen Füßlein haben Mühe das hohe Tempo zu bewältigen.

Mit trauriger Miene und Tränen im Gesicht lässt das kleine Menschlein den Wutausbruch seiner Mami über sich ergehen. Adrett gekleidet mit modischer Sonnenbrille und stylischen Pumps hetzt sie eilig Richtung Straßenbahn stadtauswärts. Vermutlich ist sie in Eile, unter zeitlichem Druck. Immer und immer wieder wiederholt sie unüberhörbar den Unmut über “ihr dummes Kind“.

Ein süßes kleines Mädchen, mit großen, braunen Kulleraugen, die den Emotionen ihrer Mutter augenscheinlich hilflos ausgeliefert ist. Mit strenger Stimme und erhabenem Befehlston macht sie unmissverständlich klar, dass es zum aktuellen Zeitpunkt nur eine Meinung, nur eine Wahrheit – nämlich die eigene – geben kann. Vorsichtig versucht das Mäderl zu erklären, dass Paul ihr Stoffhase an allem Schuld sei, doch noch bevor ihr Gedanke zu Ende gedacht war, wird sie mit genervtem Ton unterbrochen. Keine Zeit für Diskussionen – kein Raum für Klärungsversuche.

 

Verzweifelt lehnt das Mädchen ihren Kopf an Mamas Körper.

Sucht trotz der vielen bösen Worte und gemeinem Gesten Nähe zu ihrem Ein & Alles – Nähe zu ihrer geliebten Mama. Wenngleich ihre Worte noch so verletzend und respektlos sind, gilt doch jeder Herzschlag einzig und allein ihr. Der Frau, die ihr das Leben geschenkt hat. Der Frau der sie blind vertraut und deren Worte zweifelsfrei stimmen müssen. “Warum muss ich nur immer so schlimm sein? Meine arme Mami!” vermag ihr verzweifelter Blick lautstark in die Welt zu rufen.

Ein emotionaler Vulkanausbruch auf den Schultern eines kleinen Menschleins. Angst, Hilflosigkeit, Enttäuschung, Verzweiflung – die Überforderung des kleinen Mädchens ist wahrlich zu spüren.

Ihre Hilflosigkeit macht mich traurig und berührt mich tief. Während mich gleichzeitig die Respektlosigkeit und herablassende, machtbesessene Art ihrer Mami richtig wütend stimmen. Unfair, egoistisch, egozentrisch.

 

Wie kann man nur so mit Kindern umgehen? 

Respektlos – gemein und verletzend. Kein Hauch von Selbstkontrolle oder Toleranzgrenze. Mit voller Härte an vorderster Front. Dort ansetzen, wo es am meisten weh tut, am meisten einschüchtert, am meisten wirkt. Drohungen, Manipulationen, Angstmacherei.

 

“Wohin ich schaue, sehe ich das Gebot die Eltern zu respektieren, nirgends aber ein Gebot, das Respekt für das Kind verlangt!”

Alice Miller

Das Erlebte beschäftigt mich noch lange danach. Und mir wird bewusst, dass auch ich bestimmt nicht immer fair zu meinem Kind bin. 🙁 Es sind meist die kleinen, unwichtigen Alltags-Situationen, in denen nicht gerade alles so läuft, wie ich es in meinem Kopf geplant hatte, die meine Laune trüben lassen. Mich aus dem Konzept bringen – meine Geduld auf die Probe stellen.

Tage an denen ich genervt auf die Uhr schaue und nicht verstehen kann, warum ich alles 10 Mal sagen muss. Warum es nicht einfach, wie auch sonst, funktionieren kann. 

Tage an denen wir bereits nach dem Aufstehen zeitlichen Aufholbedarf haben und für 10 Treppen gefühlte 42 Minuten brauchen.

Tage an denen es den Eindruck vermittelt, als hätte mein Kind noch nie etwas von Regeln gehört und schlichtweg konsequent ignoriert wird, was ich sage.

Tage, an denen ich unter Druck stehe, meine Welt Kopf steht, oder ich mich überfordert fühle.

Tage an denen meine Frustgrenze von Haus aus niedriger angesiedelt ist, wenngleich die Auslöser meist ganz anderer Natur sind.

Tage an denen es so naheliegend, einfach und verlockend wäre, kurzer Hand lauter zu werden oder mit möglichen Fernseh- Garten- oder Eisverboten für Ordnung zu sorgen.

 

Tage, an denen ich mich selbst daran erinnern muss, dass ich meinem Kind stets auf Augenhöhe begegnen möchte.

(Was mir natürlich leider nicht immer gelingt.)

Es mag sich in Momenten der Konfrontation “stark” anfühlen mit Drohungen zu manipulieren, einzuschüchtern. Oder vielleicht breitet sich dabei hie und da sogar eine Art Machtgefühl aus (wenn ICH das sage, dann ist es so!!!!). Aber in Wirklichkeit ist es immer einfach nur schwach!!!!! Und unfair!!!! Wie kommen wir nur darauf, unseren Kindern zu drohen (dann schläfst du heute eben alleine ein, wenn du …………., dann gibt es eben heute kein Eis, wenn………, wenn du morgen nicht auf den Spielplatz gehen möchtest, dann ………….,) um zu erreichen was wir wollen? (Leider kennen wohl viele von uns derartige Situationen ganz gut – als ob es ein “anerkanntes Kinder-Einschüchterungswerkzeug” wäre. Und ich will mich davon gar nicht ausnehmen). Gibt es wirklich keine anderen Weg um Probleme zu lösen? Ziele zu erreichen?

Tage an denen ich mich bei meinem Kind für mein Verhalten entschuldige, weil eben auch Mamis leider Mal Fehler machen und übers Ziel hinaus schießen.

Tage an denen mir bewusst wird, dass wir BEIDE noch so vieles lernen müssen und keiner von uns fehlerfrei ist. Dass unsere Beziehung von Liebe und Respekt geprägt sein soll und ich dies nur vermitteln kann, wenn ICH es selbst lebe! Und zwar auch an Tagen, an denen es schwierig wird! An denen mir zum Schreien zu Mute ist, an denen nicht alles wie am Schnürchen läuft.

 

Respekt ist keine Einbahnstraße!

Wertschätzend – Fair – Respektvoll – bestimmt nicht immer einfach und vermutlich auch nicht immer uneingeschränkt umsetzbar – aber letztendlich mit Sicherheit der einzig richtige Weg. Der Weg des Miteinanders! Der Weg auf Augenhöhe!

 

 

PS: Nachdem ich der gestressten Mami am Morgen erklärt hatte, dass es keine dummen Kinder, sondern nur dumme Eltern gibt, fühlte ich mich ein Stückchen weit leichter. 

 

 

 

Nichts mehr versäumen: Mama vom Mond auf Facebook

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.