Es gibt Dinge im Leben, die sollte man, wenn nur irgendwie möglich vermeiden. Deiner Gesundheit zu Liebe , deinen Nerven zu Liebe: Germanys Next Top Model bei vollem Bewusstsein, Spielzeuggeschäft mit Kind betreten, Möbelgeschäft mit Kind betreten, Kleidungsgeschäft mit Kind betreten, Kleidungsgeschäft mit Mann betreten, die große Liebe auf Thinder suchen, XL-Indoorspielplätze Sonntags-Nachmittag bei Schlechtwetter besuchen.

Aufgeregt kommt uns der kleine Jeremy-Lionel entgegen gelaufen. So ein 5. Geburtstag ist schon was ganz besonderes. Umso schöner, wenn dann auch die Kindergarten-Bros vorbei kommen um mitzufeiern.

 

“Freunde für immer, Freunde für immer” – Ghetto-Faust!

Für immer find ich persönlich jetzt vielleicht etwas übertrieben, aber Jerely (was für ein entzückender Spitzname) ist eben nun Mal sehr wichtig für Zwergi, ein richtig toller Kumpel-Typ. Seit Wochen fiebern wir schon dem großen Tag, der Party im Spieleparadies entgegen. Zeichentrickfilme bis zur Ekstase, Süßigkeiten ohne Limit, Disney Land Paris – es hätte viele tolle Alternativen zum heutigen Partyprogramm gegeben, aber von keiner konnte ich Lausi überzeugen.

 

 

Auf dem Weg zur Garderobe, zeigt uns Jerely stolz sein Geburtstagsgeschenk von seinen Eltern. Ein giftgrünes Maschinengewehr. “Er hat sichs halt so sehr gewünscht”, verrät uns seine Mami. Na dann, auf in den Krieg! Dass ich Waffen überhaupt nicht leiden kann und laufend versuche Lausi zu erklären, welche schlimmen Sachen mit diesen Dingern angerichtet werden, habe ich mir in diesem Moment erspart zu erwähnen. Denn immerhin steht schon der erste Show-Akt in den Startlöchern: Schlagsahne ins Gesicht klatschen. Wie niedlich und sinnvoll. Da hat sich mal jemand wirklich Gedanken gemacht. Nur Jerely´s kleine Schwester, Jarla-Holly beobachtet das bunte Schlagobers-Treiben mit trauriger Miene aus der zweiten Reihe. Sie ist noch müde und etwas kraftlos. 39 Grad Fieber am Vorabend gehen eben nicht so spurlos an einem kleinen Kinderkörper vorbei.

 

Direkt nach dem gelungenen Einstiegsspiel dürfen die Kinder nach Herzenslust toben und die phantastische Spielarena erkunden. Schreiende, bockige Kinder und hysterische Eltern, soweit das Auge reicht. Und wer nicht schreit oder weint, stärkt sich bei einer frisch aufgetauten XL Salami Ananas Pizza mit Schokostreusel. Aber welche Opfer erbringt man nicht, seinen Kindern zu Liebe. Auch dieser Nachmittag wird hoffentlich vergehen und keine langfristigen Schäden hinterlassen.

 

Kinderfreundschaften gehören nun Mal gefördert.

Sind sie doch so wichtig für die Entwicklung des Nachwuchses. Und seit Jeremy-Lionel und Lausi so ziemlich beste Freunde sind, wenn sie nicht gerade streiten, hat sich bei meinem kleinen Bub auch schon eine Menge getan. Er kennt z.B. plötzlich Wörter, die ich nur nach 22 Uhr im Dunklen verwende und findet seinen allerbesten Kuscheltier-Freund auf einmal doof und peinlich. Schade eigentlich, dass sich die beiden so selten außerhalb des Kindergartens sehen, aber ausgerechnet jedes Mal, wenn wir eingeladen gewesen wären, hatten wir schon etwas vor.

 

Dann geht’s plötzlich Schlag auf Schlag. Noch bevor das letzte Chicken Nuggets verspeist ist, macht sich Jerely ans Geschenke auspacken. Ein Monstertruck, ein Feuerwehrmann-Sam Shirt, ein Lego-Set, ein Buch, was für tolle Geschenke. Was? Ein Buch? Wuuuussschhhh…….. Das Buch landet mit voller Wucht auf dem Boden. “Das ist blöd!” Jeremy-Lionel versteht bei sowas keinen Spass! Zum Glück ist das Buch nicht von uns. Dass Bücher und diese Familie nicht so gut zusammenpassen, war mir irgendwie von Haus aus klar. Entsetzt beobachtet Lausi den Wutanfall von Jerely. Aber wer von uns kennt solche Emotionen beim Nachwuchs nicht? Doch was mich daran irgendwie irritiert, ist die Reaktion der Eltern. “Guck Großer, da hinten hast du noch was zum Auspacken!” sagen sie mit liebevoller Stimme und einem friedlichen Lächeln im Gesicht. Kein mahnendes Wort, kein böser Blick.

 

Vielleicht Erziehung ohne Regeln? Beziehung statt Erziehung?

Bin ich selbst vielleicht zu streng? Wie hätte ich reagiert? Sollte ich meine Regeln überdenken? Wie werd ich nur diesen Jerely los? Fragen über Fragen die mich in diesem Moment beschäftigen und schon beginnt auch die Zeitreise in meinem Kopf: “Mami, darf ich am Mittwoch zum Donaukanal? Jeremy-Lionel feiert im FLEX seinen 12. Geburtstag. Eine ALL IN Party! Am nächsten Tag ist eh erst um 9 Schule! BIITTTEEEEE darf ich?” Eine wilde Partynacht zum 12. Geburtstag. Damit die Jungs richtig Spaß haben und auch alles auskosten können, ist Jerely´s Papi so lieb und holt sie ab. Doch bevors nachhause geht, wird noch ein bisschen gegroovt und chillig gesprayt. “EY, JO Mann! Bleib cool Mum!”

 

(Foto @ Matty Adame – unsplash.com)

Während die anderen schon genüsslich Sachertorte essen, ist mir gerade irgendwie nicht nach Essen zu Mute. Mir ist schlecht und ich habe das Gefühl gleich mitten ins XL-Bällebad kotzen zu müssen. Vermutlich wäre ich auch nicht die einzige an diesem Tag, wenn ich mich so umschaue in der Spielhalle. Ich bin entsetzt. Entsetzt über Jerely, über Jerely´s Eltern und vor allem über mich selbst.

 

Wie kann man bitte nur so gemeine Gedanken haben? Jeremy-Lionel ist bestimmt auf seine Art und Weise ein lieber Bub. Unglaublich auf welche Ideen ich komme. Schlechtes Gewissen plagt mich. Immerhin sollte ich für Lausi doch ein Vorbild sein und niemanden verurteilen. Ihm die Werte vermitteln, selbst zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Oh Mann, manchmal schieße ich echt übers Ziel hinaus. Der arme Bub! Irgendwie schäme ich mich gerade.

 

Während Jeremy-Lionel gerade seinen Cousin in den Schwitzkasten nimmt und seine Mami ein Foto davon schießt, beschließe ich ab sofort zu versuchen, mich nicht mehr so aktiv in Freundschaften von Lausi einzumischen. Zumindest nur wenn es wirklich notwendig ist. Also, wenns echt gar keine andere Möglichkeit gibt. So freuen wir uns schon heute auf Jerely´s Party im nächsten Jahr. Vorher siehts bei uns zeitlich leider nicht gut aus. Aber die Zeit vergeht eh viel zu schnell. So ein Jahr ist echt nix! Auf die Freundschaft!

 

Ghetto-Faust drauf!

 

Mama vom Mond auf Facebook

(Titelbild: @MichaelGaida – pixabay.com)

 

 

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