Scharlach, Bindehautentzündung, Magen-Darm-Infekt – der Aushang im Kindergarten begrüßt mich heute wieder mit seinem unverkennbaren Charme. Hand in Hand mit einer beginnenden Panikattacke und meinem noch gesunden und quietschvergnügten Kind betrete ich das Imperium der Viren – die Schmetterlingsgruppe. Kalter Schweiß auf meiner Stirn gepaart mit Herzrasen erfreuen sich an den bunten Kinderzeichnungen. Wie schön sie doch schon malen können, die kleinen Bakterienüberträger. Unbehagen würde die Situation, die Konfrontation mit der Gefahrenzone Kindergarten in ein falsches Licht rücken. ANGST, pure Angst beschreibt meinen Gemütszustand zwischen Puppenecke und Plastelinplatz wohl am besten. Als würde mir jemand geheim ins Ohr flüstern: “Stell dich auf eine harte Zeit ein – auch euch wird es noch erwischen – die Kindergarten-Viren werden dich und deine Familie finden! Niemand bleibt davon verschont!” Eine Warnung, eine gefährliche Prognose? Mein geistiges Auge sieht Lausi in diesem Moment bereits, umgeben von Medikamenten und Taschentüchern, tapfer seinen Zitronentee im Wohnzimmer trinken. Wie arm er doch ist, mein unschuldiges Kindergartenbakterien-Opfer. Als würde mir eine Kartenlegerin im Nebel ihrer mystischen Zauberkugel eine präzise Vorhersage der Zukunft geben. Mit bleichem Gesicht deckt das berühmte Medium Priscilla die gefürchtete Kindergarten-Viren-Karte auf. Die Karte der Angst! Die Karte, die niemand haben möchte! Wie der Schwarze-Peter, nur noch viel mächtiger und besorgniserregender. Gleich einem Horrorfilm stockt mein Atem. Hilflosigkeit ziert meinen Teint.

 

Nervös nehme ich das Mobiltelefon in meine zitternden Hände und rufe meinen Dienstgeber an. “Das immunologische Gedächtnis meines Kindes, das vermittelt, wie Erreger abgewehrt werden können, wächst gerade wieder! Leider erfordert dies einen neuerlichen Pflegeurlaub. Den dritten Pflegeurlaub in den letzten vier Wochen. Tut mir wirklich sehr leid! Aber das Immun-Gedächtnis meines Kindes ist so unglaublich klug, das erfordert eben Zeit, Geduld und Förderung!” Zeig mir einen Dienstgeber, der dafür kein Verständnis hat! Vor allem, wenn das immunologische Gedächtnis meines Zwergs schon jetzt, mit dreieinhalb so intelligent ist, wächst mit ihm, ohne Zweifel die nächste Generation der Denker, Dichter und innovativen Erfinder heran. Leider kann in diesem Moment auch die äußerst positive Entwicklungsprognose meinen unter Adrenalin stehenden Körper nicht unbedingt beruhigen.

 

Flucht! Die einzige Möglichkeit den Nasennebenhöhlenentzündungen, Pseudo-Krupps und verrotzten Nasen zu entkommen. Keine Zeit für ausgereifte Pläne, rasches Handeln und ein kühler Kopf sind nun gefordert. Die Chance vor der Viren-Schleuder unterzutauchen muss unter allen Umständen, ohne Rücksicht auf Verluste ergriffen werden. Der direkte und schnellste Weg zum Flughafen wird vermutlich die sinnvollste Entscheidung des Tages sein. Umgeben von Palmenstrand, Meeresrauschen und braun gebrannten Surfer-Guys wird die Zeit des Wartens – die Inkubationszeit – mit Sicherheit leichter zu bewältigen sein. Delphinbeobachtungen und Quad-Touren werden uns dabei unterstützen, die quälende Frage, wie viele Viren und Bakterien wohl bereits in den hilflosen Kinderkörper eingedrungen sind, besser zu verdrängen. Und sollte es schon zu spät sein? Die ersten Symptome bereits voller Freude und Motivation ihre Anreise zu uns angetreten haben? Ein Ohnmachts-Gefühl stellt sich freundlich bei mir vor. Ob eine Mami wohl je zuvor hyperventilierend in der Kindergarten-Garderobe am Boden gelegen ist? Hmm……… Ich versuche meine Gedanken zu sammeln und positive Energien, trotz niederschmetternden Aussichten aufzubauen. Besser Nureflex auf Bora Bora, als die tägliche Konfrontation mit der Kindergarten-Krankheits-Pinnwand und ansteckenden Kleinkindern.

Ich habe mich entschieden! Wir werden das Land noch heute verlassen und unsere Gesundheit selbst in die Hand nehmen. Erleichterung macht sich langsam breit. Spürbar fällt der Druck von meinen Schultern. Die Angst weicht der hoffnungsvollen Freude  auf die bazillenfreie Urlaubstrauminsel. Weiße Strände, türkisfarbenes Wasser und gesunde Menschen – gesunde Kinder, soweit das Auge reicht. Keine Listen mit Kinderkrankheiten die einen freudenstrahlend an den Bungalow-Eingängen begrüßen. Ungeduldig sehne ich die Begegnung mit unserer neuen immunstarken Heimat für die nächsten Monate herbei.  Einziges Manko im wunderbaren Strandparadies ist die traurige Tatsache, dass Papi nicht mit dabei sein kann. Aber er arbeitet heute in der Spätschicht. Zu groß die Gefahr, dass sich in der Zwischenzeit weitere Kindergartenbakterien ausbreiten und vermehren – unsere Flucht beginnt JETZT! Er wird uns sehr fehlen, an jedem dieser wunderschönen, unvergesslichen, romantischen Sonnenuntergänge. Doch manchmal zwingt einem das Leben in die Knie und man muss Entscheidungen treffen, die einem selbst widerstreben.

 

Es hilft alles nichts, wir müssen nun tapfer sein und unseren Weg ins Paradies antreten. Mit desinfizierten Händen öffne ich die Kindergartentür und starte mit meinem kleinen Schatz mutig die Flucht vor der bedrohlichen Info-Pinnwand. Unsere Schuh-Überzieher werfen wir, draußen angekommen, energisch in die nächste Mülltonne. Ein Befreiungsschlag. Eine riesengroße Erleichterung, der erste Schritt Richtung Healthy Island. Hilflos winkt uns Klein-Tobi, mit bellendem Husten und merkwürdig wirkenden Bläschen im Gesicht, noch zum Abschied zu. Es wird kein Abschied für immer sein. Sondern nur eine sinnvolle, zeitlich beschränkte Überbrückung. Ein vorübergehendes Fernbleiben vom hippen Treffpunkt der Bakterien- und Virenszene. Doch schon in wenigen Monaten werden wir wieder aktiv und freudig am Kindergarten Leben teilnehmen und Teil der gesunden Schmetterlingsgruppe sein. Trotz der akuten, hohen Ansteckungs-Gefahr macht sich eine gewisse Wehmut breit, während wir der Strasse entlang sprinten. Doch es gibt keinen Grund für Traurigkeit, denn bald sehen wir uns alle wieder. Spätestens zum Saison-Beginn der Kopfläuse sind wir zurück im Kindergarten.

 

Nichts mehr versäumen. Mama vom Mond auf Facebook

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