/ Februar 9, 2018/ Mama sein

Morgenstund hat Gold im Mund – wer auch immer dieses Sprichwort erfunden hat, war entweder betrunken, notorischer Schlafwandler, oder kinderlos. Meine Morgenstund hat meist Eile, Chaos und eine depressive Waage im Mund.

 

3/4 meiner täglichen Nerven sind zwischen 06:00 und 08:00 futsch:

06:00: Sieben rote Rosen lagen heute vor der Tür, siebenmal betrogen, ich hass Dich so sehr dafür, siebenmal gelogen, du stehst wieder mal vor mir. Siebenmal verschoben, heute trenn ich mich von dir. La la la, zu den phantastischen Klängen von Beatrice Egli hüpfe ich voller Energie aus dem Bett und starte motiviert in den Tag. Klingt einfach besser, als „winde ich meinen übermüdeten und energielosen Körper aus dem Bett, um auch diesen Arbeitstag hoffentlich irgendwie zu überstehen!“.

4 Mal Lulu, 2 Mal Durst und gefühlte 2,5 Stunden Kinderfüsse im Gesicht, die Bilanz der letzten Nacht. Wer wohl am Radiowecker herum gespielt hat, ist momentan wirklich mein kleinstes Problem. Immerhin lautet die aktuelle Mission: Lautlos aus dem Schlafzimmer zu schleichen, ohne dass das Kind wach wird! Die einzige Chance noch schnell in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Sich in Windeseile auf den Tag vorzubereiten. Eine kurze Gesichts-Generalsanierung. Puder, Mascara, Parfüm (zur Not geht auch Papis Rasierwasser) und ab ins Business-Outfit. Natürlich am Vorabend ausgesucht und rausgelegt, versteht sich wohl von selbst! Alles andere wäre zu gefährlich. Ein waghalsiges Abenteuer. Schlafende Kinder soll man nicht wecken! Zumindest nicht 1 Minute früher als notwendig.

Immerhin handelt es sich um die heilige Morgen-Zeit in Ruhe und Frieden.  Momente in denen Feng & Shui noch im Einklang harmonisieren. Minuten der Selbstbestimmtheit und Freiheit. Einsame Augenblicke auf der Toilette, verstohlene Blicke in die Naschlade, wilde Posen vorm Spiegel.

Sag, schläft der etwa immer noch bei euch? NNEEIIINNNN! NATÜRLICH NICHT! Wär ja noch schöner! Tzzzzz……..Vor Mitternacht kommt er ganz selten.

 

06:30: Jetzt heißt es, Einsatz an der vordersten Front – Kind wecken!

Nicht immer ein leichtes Unterfangen. Oftmals mit hohen Risiken verbunden, unendliches Diskussionspotential vorhanden. Konfliktbehaftete Entscheidungen müssen getroffen werden. Vorsorglich schicke ich meist vor dem ersten „Guten Morgen – aufwachen mein Liebling!“ ein kurzes Stoßgebet zum lieben Gott, um ein mögliches emotionales Beben nicht ganz alleine bewältigen zu müssen.

 

06:45 – 07:15: Mama, das Licht ist zu hell! Der Pulli kratzt!! 

Ich bin noch so müde! Ich will nicht Zähne putzen! Der Pulli kratzt! Aua, du reißt mich! Mami, ich will nicht in den Kindergarten! Aber Mama! Ist Papi zuhause? Holt mich Papi heute ab? Das ist so unfair! Autsch, der Kakao ist heiß! Die Hose will ich aber nicht anziehen! Die ist zu eng! Können wir noch malen? Ich habe Durst! Nein! Keine Strumpfhose! Mami, mein Bauch tut weh! Kann ich noch fernsehen? Ich will nicht in den Kindergarten! Ich muss lulu! Darf ich einen Lolly? Kannst du mich tragen? Bitte! Das ist sooo gemein! Fahren wir auf Urlaub? Die Schuhe will ich nicht! Es ist nicht kalt, ich will keine Haube! Auua da ist ein Stein drinnen. Darf ich Omi anrufen? Meine Zunge hat Fieber. Aber ich will jetzt Chips! Können wir meine Werkbank mitnehmen?

 

07:20: Im Idealfall sitzen wir zu diesem Zeitpunkt bereits im Auto. Sind beide angezogen und keiner von uns beiden schreit oder weint

Wir fahren Richtung Kindergarten, eine gewisse Anspannung lässt sich nicht abstreiten. Die 7-minütige Autofahrt überbrücken wir mit lustigen Kinderliedern (wer liebt es nicht um 7:20 Hänsel & Gretel zu singen) oder wir schweigen uns einfach nur an. Der Countdown läuft, nur noch wenige Minuten und wir haben den Kindergarten erreicht. Neuerlich nehme ich Kontakt mit oben auf: „BITTE lass heute kein Drama sein! BITTE!“ Zuversichtlich parke ich in zweiter Spur und hoffe, nicht schon wieder Bekanntschaft mit der Polizei zu machen. „Mami ich hab Schnecken im Bauch!“ Hmmmm………ob das ausreicht, um gleich wieder nachhause geschickt zu werden? Sind die Viecher mit der 6-Fach Impfung abgedeckt?

„Aba Mausi, Schnecken sind liebe Tiere,  Nutztiere. Die kennst du doch. Die wohnen auch bei uns im Garten. Die schaden dir bestimmt nicht!“

 

07:30 – 07:45: Here we go – lasset die Spiele beginnen. 

„Da hängen aber lustige Regenwürmer. Habts ihr die gebastelt? Wow, die sind ja super süß und knuddelig herzig! Soll ma gucken was zum Essen gibt? Spagetti! Mhhhhhh, lecker schmecker! Schau mal! Theo ist auch schon da!“

Völlig natürlich und gar nicht überdreht versuche ich mein Kind auf die vielen tollen und lustigen Dinge im Kindergarten hinzuweisen. Ablenkungsmanöver, einziger Ausweg in der Not, nenne es wie du möchtest, aber es ist zu unserem täglichen Ritual geworden. Es gibt MIR Sicherheit! Lenkt mich vor möglichen, bevorstehenden Gefühlsausbrüchen ab. „Schnell Mausibär, zieh dir bitte die Patschen an!“ Ok, so viel Zeit haben wir nicht! Links – Rechts – keine Pädagogin in der Nähe! Ich zieh dir die Patschen an. Und dann, husch, husch in die Gruppe! Jetzt steht uns erst die wahre Challenge bevor: Die Verabschiedung! Keiner der Beteiligten kann im Vorfeld die Tragweite und Entwicklung der nächsten Minuten abschätzen, aber Hoffnung und Zuversicht bestärken mich darin, den Weg Richtung Kleinkindergruppe anzutreten. An vielen Tagen klappt es toll. An manchen Tagen nicht ganz so optimal. Und manchmal ist es eine Tragödie, an Dramatik kaum zu übertreffen. Mit einem verzweifelten Kleinkind und einer hysterischen Mutter in den Hauptrollen.

 

07:50: Die Besteigung des Himalayas kann nicht anstrengender sein.

Kraftlos und emotional ermüdet verlasse ich den Kindergarten (im Idealfall ohne Kind). Erleichtert blicke ich nach oben und atme tief durch! „Danke, dass es heute so gut geklappt hat! Ob Kuraufenthalte chefärztlich bewilligt werden müssen?

 

08:00 – 08:30: Die Zeit der Stille & Erholung – die U Bahn-Fahrt.

Nun ist sie gekommen, meine Zeit – Momente der Stille – Momente der Erholung. Ohne Kind, ohne Gejammere. Nur ich und ein paar hundert andere  in der U Bahn. Erschöpft ergattere ich in letzter Sekunde noch einen Sitzplatz. Zum Glück war ich schneller, als die ältere Dame mit dem Gipsbein. Ich merke, wie die Anspannung nun Stück für Stück von mir fällt. Hätte ich einen Flachmann mit, würde ich mir genau jetzt einen hochprozentigen Schluck Korn zur Belohnung gönnen. Oder Whiskey, oder Wodka – Hauptsache Alkohol. Zufrieden lehne ich mich zurück und erfreue mich am morgendlichen Geschehen. Weinende Kinder, schreiende Eltern, verliebte Turteltäubchen – im Fluss der Emotion genieße ich die Fahrt Richtung Büro. Irgendwie bekomme ich die blöden Schnecken nicht aus dem Kopf!

 

08:35: Guten Morgen! Working-Mom is in the House!

Ich habe den Jakobsweg bezwungen! Nach einer gefühlten Ewigkeit und einer Berg- und Talfahrt der Gefühle, bin ich endlich im Büro angekommen. Hallelujah! In Kürze kann ich meine verbliebene Rest-Energie in produktive Projekte fließen lassen. Ich will ehrlich sein! Es ist nicht viel, aber für einen 4-Stunden Tag reicht sie gerade so aus.

 

08:36: „Na do schau her! Auch schon da? Guten Morgen du Langschläferin!“

Heut bleibt mir auch gar nichts erspart! Karli, mein heißgeliebter Arbeitskollege! Kinderlos und Ahnungslos – ein Mann halt! Wahrscheinlich stammt auch von ihm der Schwachsinn: Morgenstund halt Gold im Mund.

 

Nichts mehr versäumen: Mama vom Mond auf Facebook

Foto: Nathan Dumlao – Unsplash.com

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