/ November 29, 2017/ Gedankenspiele

Vor langer, langer Zeit, da lebte ein braver fleißiger Mann in Wien Favoriten. Das ist sehr weit weg von Floridsdorf. Weit über der Tangente drüber. Auf der anderen Seite der Donau. Der dunklen Seite.

 

Er hieß Nikolaus. Nikolaus der weißbärtige Mann mit rotem Gewand und der Bischofsmütze aus dem zehnten Bezirk. Er hatte sehr viel Geld und eine wunderschöne Altbauwohnung. Doch sein größter Schatz, war sein großes Herz. Er half den Armen. Unterstützte die Kranken. Und schenkte Kindern und Erwachsenen nicht nur Freude und Mut. Er war ein wahrlich guter Mann.

 

„Oida, heit is scho wieda da 6. Dezemba. De Zeit vageht so schnö!“ Dachte sich Nikolaus, als er auf die Straßenbahn Linie 6, Richtung Reumannplatz wartete. Die Stadt duftete ganz wunderbar nach Lebkuchen und Glühwein. Kinder sangen fröhliche Weihnachtslieder. Schneeflocken glänzten im Abendlicht.

 

Geh, hear auf! Jetzt kummt de blede Bim erst in 12 Minuten. I glaub i dram!“ Nikolaus ärgerte sich und beschloss zu Fuß zu gehen. Denn er hatte noch viele Kinder zu besuchen. Und jede Menge toller Geschenke in seinem großen Sack. Einen Fußball für Ben, eine Puppe für Livia und noch viele tolle Spielsachen mehr. Aber auch an die Erwachsenen hatte Nikolaus gedacht. Auch sie wollte er beschenken und glücklich machen. So schleppte er auch Autoradios, Spielkonsolen, Handys und Ipads mit. Erwachsene reden nämlich nicht mehr so gerne miteinander. Lieber sitzen sie neben einander.  Haben ein Handy in der Hand und schreiben in sozialen Netzwerken, was sie sich zu sagen haben. Und die Autoradios gabs günstig bei Nikolaus Lieblings- Wirten in der Buchengasse.

 

Während Nikolaus der Straße entlang lief, um das nächste Kind zu besuchen, beobachtete er in der Ferne eine Demonstration. Unter Demonstration versteht man ein Treffen von mehreren Menschen in der Öffentlichkeit, die ihre Meinung äußern. So wie im Schweizerhaus. Nur ohne Stelze. Demonstrieren kann man gegen / für vieles. In Wien gibt es oft Demos. Und Gegendemos. Und Straßensperren.

 

Da wurde Nikolaus plötzlich traurig: „Na geh, schleich di! I konn Plan A, anpatzen, Spätzünda und DAS IST GRÜN nimma hean. De 10 Wahlgänge im letzten Joahr homa greicht. Es is scho gnua gredt woan. Und jetzt renan de scho wieda durch de Gegend! Und woin de Conchita ois Bundespräsidentin. Mia doch wurscht! Owa eh kloar! Net a moi an meim Tog, am Nikolaus-Tog is a Ruah.

 

Eine Träne bedeckte Nikolaus Wange. Er konnte nicht verstehen, warum die Menschen immer raunzen mussten und unzufrieden waren. Warum nicht Mal in der Weihnachtszeit Freude herrschte. Die Zeit der Nächstenliebe – die Zeit des Friedens. Aber, sogar da, waren die Menschen verbittert und gemein. Jeder dachte nur an sein Wohl und akzeptierte nur eine Meinung. Nämlich die eigene. Oder die von Felix Baumgartner.

 

Der Mond leuchtete an diesem Abend besonders schön. Oh du Fröhliche, Hulapalu und Polizeisirenen zauberten eine romantische, unverkennliche Advents-Abendstimmung in Favoriten. Nikolaus beschloss eine kurze Rast zu machen. Er setzte sich auf eine Parkbank und trank ein kühles Blondes. Auch wenn er in diesem Moment die Menschheit nicht verstehen konnte und untröstlich war, so verstand zumindest sein Bier ihn immer.

 

Da kam ihm plötzlich Theresa, das süße Mädchen mit den  Zöpfen entgegen gelaufen. Sie strahlte über beide Ohren und war ganz aufgeregt. „Nikolaus du bist es wirklich! Ich freu mich so! Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ich hab so gehofft, dass du dieses Jahr zu mir kommst.“ Liebevoll lehnte sie ihr Köpfchen an Nikolaus Schulter.

 

Theresas Familie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Ihr Vater verlor seine Arbeit als Koch. Poldis Gasthaus,  in dem er Jahrzehnte gearbeitet hatte, wurde an eine Handy-Frisör-Goldschmuck-Börse verkauft. Das Geld vom AMS war nicht berauschend. Genau so wenig, wie seine Ausbildung zum Fingernagel Designer, die er als Umschulungs-Maßnahme besuchen musste. Arbeitsmarkt Offensive nannten es die einen. Eine Frotzelei die anderen. Und der Verdienst der Mutter reichte gerade aus, um das Notwendigste zu bezahlen. So lernte das süße Mädchen schon früh, genügsam zu sein. Auf Dinge zu verzichten. Es war nicht immer leicht für Theresa, aber das tat ihrer Lebensfreude keinen Abbruch. “Immerhin hab ich die besten Eltern der Welt. Mehr brauch ich doch gar nicht! Und bald wird wieder alles gut. So wie Mami und Papi immer sagen!“

 

In diesem Moment kullerte Nikolaus neuerlich eine Träne über seine Wange. Aber diesmal vor Rührung. Vor Glück. Er erkannte, dass es doch noch Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck gab. Menschen die nicht nur an sich und ihren Vorteil dachten. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass das Nörgeln nun mal zur schönsten Stadt der Welt gehörte. Genau so, wie das Riesenrad und das Wiener Schnitzel. Die Menschen aber dennoch äußerst liebenswert, sympathisch, gutaussehend und leiwand waren.

 

“Nanonana – woa i ein Hiafla! Ma braucht afoch nua a euzal mehr Verständnis für de Wahnsinnign rundamatum. Toleranz nennt ma des. San jo e ois liabe Leit! Und de ondan, kennan ma sowieso in Buckl owe rutschen!“

 

Behutsam kramte Nikolaus Theresas-Geschenk aus seinem großen, roten Jute-Sack. „Bist du auch immer brav gewesen?“ fragte er. „Klar“, sagte Theresa. Kleine Schneeflocken kitzelten seine Nase. Funkelnde Sterne leuchteten mit den strahlenden Kinderaugen um die Wette. Äpfel, Nüsse, ein Schokoladen-Nikolo und ein Zwetschkenkrampus füllten den Beutel. Und als Krönung guckte eine kleine Puppe heraus. Theresa blieb der Mund offen und ihre Knie zitterten ein bisschen. Noch nie zuvor hatte sie eine so schöne Puppe gesehen. Umso froher war sie, dass dem Nikolo ihr Nikolausgedicht gefiel.

 

“Na guat, sammas donn? Damma wos! I muass nu gach zu a poa ondere Kinda. Bleib weiter so brav und fröhlich!“ sagte Nikolaus zu Theresa, bevor er sich weiter auf den Weg machte. So klein und schon so ein großes Herz! Vergessen würde er das bezaubernde Mädchen bestimmt nie.

 

Zwischen den Klängen von Jingle Bells und dem Duft von Vanillekipferln marschierte er glücklich und zufrieden durch die verschneiten Parkpickerl-Gassen des Wiener Randbezirkes. Er hatte noch jede Menge Gaben zu verteilen und Kinder glücklich zu machen. Nikolaus glaubte nun wieder an das Fest der Liebe und erkannte plötzlich wieder den Sinn von Weihnachten.

 

„Mein Wien is ned deppat. Do is scho wos dron! A wonns vom Michl kummt. Und in besten Spritzer homa sowieso. Zwiedawurzn, Ungustl und Gschaftlhuawa gibt’s überoi. Owa de Wiena san schon schwer in Ordnung. Und guate, ehrliche und schene Leit! Va freindlich hot kana gredt!

 

So zieht der gute, alte Mann mit dem weißen Bart und dem goldenen Stab auch noch heute, immer am 6. Dezember durch Wien. Um Kindern ein kleines Geschenk zu machen und Erwachsene fröhlich zu stimmen. Wenn es dunkel wird, siehst du ihn mit etwas Glück, vielleicht von Haus zu Haus schleichen.

 

Sollte also Mal wieder jemand herumgrantln in der Bundeshauptstadt. Oder die verbotenen Worte „Geh Oida schleich di – so ein Wappler“ sagen, nimms gelassen und denke immer daran: Es könnte der Nikolaus sein. Denn er lebt 365 Tage im Jahr in Wien.

 

 

 

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